DGB Jugend Nord

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BiBB-Experte sagt: Das Zahlenspiel des DIHK geht nicht auf

O.K.: Die Lage am Ausbildungsmarkt hat sich etwas entspannt - Gott sei Dank. Das sagt auch die DGB Jugend. Selbst gute Ausbildungsbetriebe stellen inzwischen fest, dass die Bewerberzahlen abnehmen. Dennoch kann laut Bundesinstitut für Berufsbildung von einer Vollversorgung aller Jugendlichen überhaupt keine Rede sein. Die Rechnung des DIHK, wonach es erstmals wieder mehr Angebote als Bewerber geben soll, stimme nicht, so BIBB-Experte Joachim Gerd Ulrich.

"Es wird auch weiterhin Schulabgänger geben, die keine Lehrstelle finden", sagt Joachim Gerd Ulrich, Ausbildungsexperte beim Bundesinstitut für Berufsbildung in Bonn. Und natürlich werde es - trotz der Entspannung auf dem Lehrstellenmarkt - auch weiterhin viele Altbewerber geben. Das sind Jugendliche, die keinen Ausbildungsplatz gefunden haben und sich im darauffolgenden Jahr noch mal bewerben. Allerdings, so sagt Ulrich, sei es tatsächlich so, dass Schulabgänger jetzt generell leichter eine Lehrstelle finden würden als noch vor Jahren.

Für Betriebe hingegen sei die Situation schwieriger geworden. ¸¸Sie müssen sich heute mehr anstrengen, wenn sie einen guten Bewerber bekommen wollen, sie stehen vielmehr in Konkurrenz zu ande-ren Betrieben", sagt Ulrich. ¸¸Ich denke, dass Herr Braun vom DIHK die Unternehmer aufrütteln wollte. Er wollte sie darauf vorbereiten, dass es in einigen Jahren wirklich eng werden kann." Georg Braun, der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) hatte verkündet, dass es zu Beginn des nächsten Ausbildungsjahres im September erstmals seit sieben Jahren wieder mehr Lehrstellen als Bewerber in der deutschen Wirtschaft geben werde. Seine Prognose stützt Braun auf die Tatsache, dass bis April im Bereich des DIHK 8,6 Prozent mehr Lehrverträge abgeschlossen worden sind als im gleichen Zeitraum des vergangenen Ausbildungsjahres.

¸¸Die Rechnung des DIHK stimmt nur für einen Teilbereich", erklärt Ulrich. Denn der Wirtschaftsverband beziehe in sein Zahlenspiel lediglich die Bewerber ein, die sich bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) gemeldet haben. Das sind bis Ende April 486 000 junge Menschen gewesen und damit 16 Pro-zent weniger als im April 2007. Nun sagt der DIHK: Wenn dieser Trend anhält, verzeichnet die Bundesagentur am 30. September (dem Ende des Ausbildungsjahres) eine Bewerberzahl von 615 000. Nach Angaben des BIBB-Experten Ulrich stehen dem dann etwa 670 000 Ausbildungsplätze gegen-über. Insofern hätte der DIHK recht, die Zahl der Lehrstellen würde die der Bewerber übersteigen.

¸¸Was Herr Braun vom DIHK allerdings vergessen hat", sagt Ulrich, ¸¸ist die Tatsache, dass sich nicht alle Ausbildungswilligen bei der Bundesagentur melden." Ulrich geht davon aus, dass etwa 330 000 Jugendliche auf eigene Faust eine Lehrstelle finden. Er rechnet vor, wie er auf diese Zahl kommt: Aus der Beobachtung weiß er, dass von den bei der Bundesagentur gemeldeten Bewerbern nur etwa die Hälfte einen Ausbildungsplatz findet, also rund 310 000. Zudem geht Ulrich bis September von unge-fähr 640 000 abgeschlossenen Ausbildungsverträgen aus, von denen dann 310 000 auf BA-Bewerber entfallen. Die restlichen 330 000 abgeschlossenen Verträge entfallen demnach auf jene Jugendlichen, die die Bundesagentur nicht eingeschaltet haben. ¸¸Und genau diese Bewerberzahl muss zu der vom DIHK hochgerechneten Zahl von 615 000 Bewerbern hinzugezählt werden", erläutert Ulrich. Die Gesamtzahl der Bewerber beträgt demnach rund 945 000 - und liegt weit über dem Angebot von 670 000 Lehrstellen. ¸¸Alles in allem betrachtet", sagt Ulrich, ¸¸hat Herr Braun also nicht recht."

Die Rechnung ist sogar noch weit komplizierter. Denn all diejenigen Jugendlichen, die zu Beginn ei-nes neuen Ausbildungsjahres keine Lehrstelle gefunden haben, werden bei der Bundesagentur als unversorgt registriert. ¸¸Dies gilt aber nur so lange, wie sie praktisch auf der Straße stehen", sagt Ulrich. Sobald sich ein Jugendlicher anders orientiert - ein Berufsvorbereitungsjahr macht oder den Re-alschulabschluss, ein Praktikum anfängt oder eine Einstiegsqualifizierung - fällt er aus der Statistik heraus. ¸¸Dass viele dieser jungen Leute trotz anderweitiger Beschäftigung weiterhin eine Lehrstelle suchen, wird nirgendwo vermerkt", erklärt Ulrich.

Für die Betriebe selbst ist noch eine weitere Rechnung von Belang. Als Folge des demografischen Wandels sinken die Schulabgängerzahlen stetig. Nach Angaben Ulrichs ist die Zahl der Haupt- und Realschüler (die Hauptklientel für das duale Ausbildungssystem) innerhalb eines Jahres um 40 000 zurückgegangen. ¸¸Im Jahr 2011 werden es im Vergleich zu 2007 etwa 110 000 Jugendliche weniger sein." Für die Betriebe heißt das: je weniger Schulabgänger, umso weniger Bewerber mit den gewünschten Kompetenzen. Und umso härter, sagt Ulrich, falle der Kampf um die Guten aus. ¸¸Denn eines ist klar: die Unternehmen werden ihre Standards nicht unendlich senken."